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Wir sind von einer dichten jedoch unsichtbaren Datenmasse umgeben. Mit jedem Signal, das wir aussenden, jeder Handlung, die wir ausführen generieren wir bereits existierende und produzieren unaufhörlich neue Informationen. Unser gesamtes Leben kann und wird zunehmend statistisch erfasst, numerisch dargestellt, durch Algorithmen imitiert. Die Datendepots wachsen ins Unendliche. Immer deutlicher wird in dem Kontext auch die Diskrepanz zwischen der kaum greifbaren Gestalt und der mit jeder Minute überproportional wachsenden Masse an Daten.

Der Transformationsprozess unseres physischen Daseins ins abstrakte Universum der Zahlen ist jedoch nicht jedem zugänglich; die Ergebnisse für einen nur am Rande involvierten Rezipienten wenig nachvollziehbar. Der Zutritt zu dieser komplexen Informationsmatrix und der Nutzen aus ihren Resultaten sind noch vorwiegend Wissenschaftlern und Experten vorbehalten. Dabei lässt sich bei der Bevölkerung ein steigendes Bewusstsein über die Existenz und den Wert persönlicher, im Web präsenter Informationen beobachten. Sowohl Wissenschaftler, Grafiker, Designer, als auch Künstler suchen derzeit nach Wegen und Mitteln, um den unsichtbaren Datenreservoirs eine visuelle Gestalt zu verleihen. In diesem Kontext werden vielseitige Versuche unternommen um aus abstrakten Strukturen verständliche Formen zu kreieren, deren Spektrum von grafischer Strenge bis hin zur verspieltem, geistvollen Witz reicht. Im Rahmen des Projektes BBC Data Art zum Beispiel werden einzelne Nachrichtenschlagzeilen nach ausgesuchten Schlüsselbegriffen ausgewertet und als interaktive Diagramme dargestellt. Es ist eine pragmatische Umgangsweise mit dem Informationsmaterial. In seinen Arbeiten sucht Nadeem Haidry hingegen einen spielerischen Zugang zu den Datenarsenalen. Berühmte Gemälde und Drucke alter Meister werden auseinandergenommen und auf ihren Nährgehalt untersucht. Wer hätte gedacht, dass Campbell’s Soup Cans von Andy Warhol so viele Kalorien hat? Weiter steht abwechselnd die Informationsvermittlung und die Hinterfragung damit verbundener, gesellschaftlicher Mechanismen im Fokus. ReMap versammelt die Besten der Besten der Datenvisualisierung. Das dynamische Sammelsurium zeigt grafische Meisterstücke, die aus einem dichten Datengarn gewebt sind. Der Hit Counter des US-amerikanischen Künstlers Zach Gage dagegen zählt jedes Gesicht, welches ihm gegenüber tritt. Alles, was die schlichte Holzbox dem Ausstellungsbesucher entgegenzusetzen hat, ist die numerische Registrierung seiner Anwesenheit. Auf der anderen Seite rühmt sich der Hit Counter selbst mit der wachsenden Zahl der Blicke, welche ihm zugeworfen wurden. Ein enger Bezug zu seinem Wert lässt sich dabei kaum leugnen… oder?

In der eklektischen Ausstellung kann die Variation zwischen skulpturalen Modellen und digitalen Projekten erfahren werden. Die Kaffeetasse Iohanna Panis als plastische Darstellung ihres wöchentlichen Kaffeekonsums zum einen und  Projekte des MIT Senseable CITY Labs, welche sich, mit ökologischem Hintergrund, der Vermessung der kommunalen, regionalen und landesweiten Daten annehmen zum anderen. Individuelle Informationssammlungen, die auf das Leben eines jeden übertragbar sind und im Dasein eines jeden eine Rolle spielen, kommen insbesondere in den Reports von Nicholas Felton zum tragen. Bereits seit 2006 dokumentiert der Künstler sein Leben. Kleinste Details berücksichtigend, wie beispielsweise seine häufigsten Gesprächsthemen oder die Quantität der gekauften Eissorten, führt er akribisch genau, mit Daten jeglicher Art gefüllte Bücher.

Ergänzend dazu zeigt die Arbeit von Chris Milk und Aaron Koblin, The Wilderness Downtown, wie emotional Daten sein können. Das interaktive Google Chrome Projekt zu „We Used To Wait“ von Arcade Fire präsentiert sich auf einer großen Leinwand in einem großen, dunklen, vom Sound erfüllten Raum. In das Musikvideo werden Aufnahmen aus der Kindheitsumgebung des jeweilige Users integriert. Die Postanschrift dient dabei als Schlüssel zur eigenen Vergangenheit. In den Clip eingebettet, mit poetischen Textzeilen untermalt, lassen schlichte Google Street View-Bilder tief in die Zuschauer eingebrannte Emotionen zum Leben erwecken. Die eine oder andere Träne verlässt so manches Auge. So ist *data* nun mal… überaus pragmatisch und höchst gefühlvoll zugleich.


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