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11 rooms…. (curated by Hans Ulrich Obrist & Klaus Biesenbacch)
Manchester International Festival 2011

Performative Ausstellung.

Don’t touch the performer….

Elf Räume, die bei mir mindestens genauso viele Fragen auslösen.
Es ist Sonntagnachmittag und der Gang in die Ausstellung ist spontan und unüberlegt.
Unvorbereitet treffe ich im zweiten Stockwerk der Manchester Art Gallery ein. Was mir zuerst im Übermaß entgegenkommt wundert wohl keinen erfahrenen Sonntagsausstellungsbesucher: Lärm. Ob nun schreiend oder lachend, nicht nur die Kinder, alle sind irgendwie laut! Denn es ist Sonntag und Sonntag ist Ausstellungsmarkttag. Laut, gesellig und voll. Und eigentlich ist es gut so, denke ich, denn „that’s not a library!“ Ich mag’s und fühle mich wohl im Gewusel. Los geht’s: Der erste Raum. Roman Ondak steht an der Eingangstür des klinisch weißen, stark provisorisch errichteten Raumes mit schlechter Belüftung. Leicht verschwitzt, jedoch lustig schwatzend sitzt jedoch nicht Roman auf dem Stuhl hinter einem schlichten Schreibtisch, sondern mein Arbeitskollege Andy. Meine Verwunderung ist wohl nicht zu übersehen. Ich reiße mich jedoch zusammen und versuche erstmal die Zusammenhänge zu verstehen. Ok, ja, es fängt peu à peu an Sinn zu ergeben: Hier wird eindeutig gehandelt. Andy bietet einer Besucherin einen vermeintlich wertvollen Gegenstand an. Wertvoll, weil es sich um ein Zugticket handelt, das von einem Künstler benutzt wurde… Die Besucherin spielt das Spiel mit und lässt sicht nicht so einfach ihr Hab abschwatzen… Schlagfertiger Dialog entwickelt sich… Die an den Wänden klebenden Zuschauer sind sichtbar amüsiert. Das Ganze wirkt auf mich wie ein Sketch. Performance kann also witzig sein. So.so. Das gefällt mir und ich lache… Schließlich wird getauscht und anscheinend habe ich zu früh gelacht, denn nun falle ich der aktiven Teilhabe zum Opfer.
Ich lasse mich drauf ein, bin jedoch von meinen Versuchen so gut wie möglich schauspielerisch zu kaschieren, dass wir uns kennen so verwirrt, dass mir die gesamte Eloquenz dabei flöten geht, ich ein einfallsloses tram-Ticket Richtung Media City zucke und irgendwas herbeigezogenes wie: „ein Ticket in die Zukunft“ sage… ha ha.. naja.. das war nicht ganz so schlecht, Media City befindet sich ja noch in der Konstruktionsphase. Schnell das Tauschobjekt geschnappt verlasse ich so schnell wie es der Anstand zulässt den mittlerweile sauerstoffleeren Raum.

Und schon bin ich in der nächsten Zelle. Eine nackte Performerin wirft prüfende Blicke auf ihre Füße. Untersuchend benutzt sie einen Spiegel, um genauestens alle Stellen vorne wie hinten sowie unten betrachten zu können… sie ist fertig, schaut auf und zack bin ich in meiner Stammkneipe. Sie ist die Frau, die mir immer die Pints serviert. Ein kurzer irritierter Blick ihrerseits.
Den Raum wechselnd überlege ich mittlerweile nur noch welches bekannte Gesicht ich bei der nächsten Performance treffen werde.

Mit dem Rücken zum Publikum und dem Gesicht zur Wand steht ein männlicher Performer in der Ecke des nächsten Raumes. Würde ich ihn kennen, spielte es keine Rolle. Interaktiv ist unter diesen Umständen auch nichts, die Position des Performers jedoch mehr als bedrückend. Die Anonymität genießend verbleibe dort jedoch eine Weile.

Das Cyborg-Mädchen im nächsten Raum will kommunizieren. Das sieht man auf den ersten Blick. Sie stellt Fragen, erwartet Antworten… Tut sie es wirklich? Keiner der Besucher scheint sich wirklich sicher zu sein. Die Rückmeldungen sind eher karg. Liegt es vielleicht an der philosophischen Natur der Problematiken, die sie anspricht? Vielen sieht man an, dass sie sich innerlich bereits auf der Flucht befinden. Auf Grund der eindringlichen und direkten Art der Performerin, denken sie wohl, dass es unverschämt wäre einfach zu gehen, während sie noch spricht, oder was auch immer der Grund dafür sein mag, warum sie bleiben, aber sie bleiben und rücken dafür immer dichter zusammen und näher an die Wand. Die Zeit vergeht nur langsam. Nach gefühlten Stunden endet die Performance. In den Fluren zwischen den Räumen treffe ich ein paar Bekannte. Sie stehen in einer langen Schlange um Playing the Martyr von Simon Fujiwara zu sehen. Kurzer Small Talk.

Von nun an überschlagen sich die Ereignisse.
Den Besuch der Ausstellung rekapitulierend weiß ich nicht mehr, welcher Gedanke genau mich dazu bewegt hat die Performerin anzufassen. War es das vermeintliche Wissen um den grenzenüberschreitenden Umgang mit menschlichen Körpern in der Performancekunst; damit zusammenhängend die Verringerung der Distanz; keine Scheu vor der Nähe. Ich habe mir eingebildet, dass in diesem Werk genau damit gespielt wird… mit der Frage nach Barrieren, Berührungsgrenzen. Konventionen etc. Ich strecke den Arm aus und drücke den Rücken einer Performerin. Meine triumphierende und als Resultat langer Überlegung, vollkommen stimmige Geste bleibt jedoch reaktionslos, dafür werde ich aus meinem stillen Staunen durch den warnenden Aufschrei der Aufsichtskraft gerissen: “Don’t touch the performer!”

The world in slow motion… everybody is looking at me… Blaming me for having done something what most of them wanted to do, but were too afraid to. Shall I stay or shall I go… leaving right now would be even weirder… I decide to stay… to wait until the focus of interest will allocate itself somewhere else…. minutes go by.. nothing happens… now I really want to go… leave immediately… the tension inside my body and brain is overwhelming… the incomfortability immense… and then they start moving… they finally move… and I just realize that it’s obviously an automatic door….

Eine Drehtür, aus Menschen setzt sich in den Gang… und davon gibt es ja bekanntermaßen zwei Arten: manuell, what I was going for, und automatisch, what it actually was!

Als ich mich am Ende der Ausstellung dazu entschließe den kleinen dazugehörigen Katalog zu kaufen, kann ich es dann auch nachlesen… hmm… definitely too late.

Nach diesem Erlebnis habe ich die nachfolgenden Räume nur noch vernebelt wahrgenommen. Nichts danach fühlte sich so intensiv an wie die Arbeit Revolving Door von Allora and Calzadilla.

Die Ausstellung geht auf Tour. Next station: The International Arts Festival RUHRTRIENNALE 2012 @ Folkwang Museum Essen, Germany. Mit jeder Präsentation wird ihr ein weiterer Raum hinzugefügt.
Good advice for 11 or more rooms visitors: don’t touch the performers…. Just wait and something will happen. Promise.


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